Nach dem Blutbad in einer syrisch-katholischen Kirche in Bagdad stehen die Christen im Irak weiterhin unter Schock. Am vergangenen Sonntag hatten neun bewaffnete Männer mit Sprengstoffgürteln während eines Gottesdienstes die Kirche gestürmt, sofort zwei Priester erschossen und die Gläubigen als Geiseln genommen. Die Terroristen forderten die Freilassung von Al-Kaida-Mitgliedern, die derzeit im Irak und in Ägypten inhaftiert sind. Nach mehrstündigen Verhandlungen mit der Polizei wurden einige Geiseln freigelassen. Anschließend stürmten Sicherheitskräfte das Gotteshaus. Bei dem Feuergefecht kamen neben den Geiselnehmern und vielen Gottesdienstbesuchern auch sieben irakische Sicherheitskräfte ums Leben. Insgesamt sind mindestens 58 Menschen dem Terrorangriff zum Opfer gefallen.
Erzbischof Jean Sleiman von Bagdad sagte gegenüber “Kirche in Not”, er fürchte, dass die Gläubigen nun ihre Hoffnung verlieren und das Land verlassen könnten. Dies wäre ein herber Verlust für den Irak, da die Christen als “vermittelndes Bindeglied” in der Gesellschaft unerlässlich seien. Als Reaktion auf den Anschlag hatte zunächst Frankreich einem Kontingent von 150 überlebenden Christen Asyl angeboten. Erzbischof Sleiman hofft, dass nicht noch mehr irakische Christen wegen der weiterhin bestehenden Gefahr neuer Attentate auswandern. Wörtlich sagte er: “Ich bete für Hoffnung”
Der Zentralverband der Assyrischen Vereinigungen in Deutschland zeigte sich heute in einer Pressemitteilung wütend über die Untätigkeit der internationalen Gemeinschaft. Er schrieb: “Wir fragen uns, was noch passieren muss, damit die demokratische Weltgemeinschaft ihren Versprechungen Taten folgen lässt. Es genügt nicht, an die irakische Regierung lediglich zu appellieren, den Christen mehr Schutz zu gewähren. Die Entwicklungen der letzten Jahre haben gezeigt, dass die irakischen Sicherheitskräfte nicht gewillt sind oder nicht imstande sind, den geforderten Schutz zu gewähren.”
Nach Ansicht des Zentralverbandes müssten im Irak Autonomiegebiete für Christen eingerichtet werden. Kirchenvertreter hatten sich zu dieser Forderung in der Vergangenheit kritisch geäußert, da sie eine Ghettoisierung der Christen befürchten und auf die “verbindende” Kraft ihrer Gemeinschaft innerhalb der irakischen Gesellschaft hingewiesen haben.
“Kirche in Not” ruft alle Unterstützer zum Gebet für die Christen im Irak und im gesamten Nahen Osten auf.
Zu Beginn des Weltmissionsmonats Oktober erinnert “Kirche in Not” an die Verantwortung jedes Christen, für die Weltkirche einzustehen. “Mission bedeutet nicht nur die Weitergabe des Evangeliums, sondern gerade auch die Solidarität mit den oft bedrängten Christen weltweit”, betont Karin Maria Fenbert, Geschäftsführerin des deutschen Zweiges von “Kirche in Not”.
Als Paradebeispiel für diese gelebte Solidarität könne das Leben des Gründers von “Kirche in Not”, Pater Werenfried van Straaten, gelten. “In seiner Jugend wäre er gerne von seinem Orden als Missionar in die Ferne geschickt worden”, erzählt Fenbert, “doch seine schwache Gesundheit ließ das nicht zu.” Davon nicht entmutigt habe Pater Werenfried unter dem Eindruck der großen Flüchtlingsströme aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten nach dem Zweiten Weltkrieg seine wahre Bestimmung entdeckt und begonnen, die leiblichen und seelischen Nöte der Flüchtlingsfamilien zu lindern. Er hielt zum Beispiel die Seelsorge unter den Flüchtlingen aufrecht, indem er Geld für Fahrzeuge sammelte, mit denen die damaligen Priester die oft großen Distanzen zwischen den Flüchtlingslagern überwinden konnten.
“Aus Werenfrieds Solidarität mit anderen Christen entstand schließlich auch sein missionarisches Wirken, wie beispielsweise die Kinderbibel, die unser Hilfswerk weltweit inzwischen mit einer Auflage von über 46 Millionen in 157 Sprachen verteilt hat”, berichtet Fenbert weiter. Im Monat der Weltmission sei es daher entscheidend, über den eigenen Tellerrand zu blicken und die Not der Anderen wahrzunehmen. “Wahre Mission entsteht nur aus Anteilnahme”, betont Fenbert.
So sei aus Pater Werenfried van Straatens Fürsorge für seine Mitchristen in Not im Jahr 1947 das heutige Hilfswerk “Kirche in Not” entstanden, das später auch die Kirche hinter dem Eisernen Vorhang mit dem Nötigsten versorgte und in manchen Gebieten überhaupt am Leben hielt. Heute hilft “Kirche in Not” in über 135 Ländern zum Beispiel beim Bau von Kirchen und bei der Motorisierung der Seelsorge. Weltweit finanziert das Hilfswerk durch seine Stipendien derzeit jede sechste Priesterausbildung.
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